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Qigong und Diabetes

November 10, 2014

Diabetes mellitus (DM) , zu deutsch „honigsüßer Durchfluss“, oder auch Zuckerkrankheit, bezeichnet eine immer häufiger auftretende Stoffwechselkrankheit, bei welcher der Leitbefund „zu viel Zucker im Blut“ ist. Dazu kommt es hauptsächlich infolge eines Insulinmangels, einer Insulinresistenz oder eines Zusammenwirkens beider Faktoren. Es gibt unterschiedliche Diabetestypen. Laut ÖDG (Österreichische Diabetesgesellschaft) sind in Österreich rund 600 000 Menschen betroffen, rund 170 000 Menschen wissen noch gar nicht, dass sie bereits Diabetes haben. Zwischen 50 000 und 100 000 Betroffene sind Typ-1 Diabetiker (Autoimmunerkrankung), rund 85% sind Typ-2 Diabetiker. DM Typ-2 entsteht vielfach schleichend durch einen ungesunden Lebensstil – oder vereinfacht formuliert durch zu viel und zu gutes Essen in Verbindung mit zu wenig Bewegung, auch erbliche Anlagen und das Alter sind Risikofaktoren.
Eine von der American Diabetes Association (Guan-Cheng und Kollegen, 2010) (8) publizierte randomisierte, kontrollierte Pilot-Studie lieferte unter methodisch einwandfreien Bedingungen klare Evidenz für eine positive Wirkung von Qigong auf DM Typ-2. Die Effekte von Qigong bei oraler Einstellung des Diabetes, bzw. im Vergleich zu definierter körperlicher Betätigung (PRT = progressive resistance training) bei DMTyp-2 wurden erhoben.32 Teilnehmer wurden an der Bastyr Universität (Washington) in die Untersuchung eingeschlossen. Sie wurden nach Alter und Geschlecht „gematcht“ d. h. so ähnlich als möglich in der Alters- und Geschlechtsverteilung in drei Gruppen aufgeteilt. Gruppe 1 (n = 11) machte Qigong, Gruppe 2 (n = 10) diente als Kontrollgruppe, Gruppe 3 (n = 11) machte PRT (progressive resistance training) – ein definiertes Krafttraining, das freie Gewichte, Kraftmaschinen und Elastische Bänder zur Muskelstärkung nutzt, um eine körperlich aktive Form als Vergleich zu haben.
Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 56,3 ± 8,1 Jahre. Alle Teilnehmer wurden angewiesen, ihre normale Diabeteskontrolle unverändert weiter durchzuführen. Alle nahmen orale Medikamente, keiner spritzte Insulin. Die Werte für Nüchternzucker, Insulin und A1C – oder in Österreich HbA1C – (Glykohämoglobin = roter Blutfarbstoff, an den Glukose gebunden ist) wurden zu Beginn und am Ende der 12-wöchigen Intervention bestimmt. Die Insulinresistenz wurde mittels des „homeostasis model assessment of insulin resistance (HOMA-IR) index score“ ebenfalls zu Beginn und am Ende der 12-wöchigen Intervention ermittelt. Statistisch signifikante Unterschiede hinsichtlich des Blutzuckers (plasma glucose level) wurden in der Qigonggruppe gefunden (184,9 ± 35,3 vs 161,9 ± 40,5 mg/dl, P = 0,003). Alle Teilnehmer dieser Gruppe wiesen am Ende der Intervention einen niedrigeren Nüchternblutzuckerspiegel auf als zu Beginn. Im Gegensatz dazu stiegen diese Blutzuckerwerte (plasma glucose level) in den beiden anderen Gruppen (nicht signifikant) an: 143,8 ± 35,0 vs. 154,0 ± 44,7 und 156,4 ± 36,6 vs. 168,4 ± 49,1 mg/dl. Der Nüchternblutzucker der Qigonggruppe verbesserte sich signifikant im Vergleich zu dem der PRT-Gruppe und zu dem der Kontrollgruppe (P<0,003 und P<0,001; ermittelt per einseitiger Varianzanalyse ANOVA). Die Werte für A1C (HbA1C) veränderte sich nicht in der Kontrollgruppe (7,9 ± 0,8 vs. 7,9 ± 1,6%), gingen aber sowohl in der PRT-Gruppe (8,6 ± 1,2 vs. 7,9 ± 1,6) und in der Qigonggruppe leicht – nicht signifikant – zurück (8,8 ± 1,1, vs. 8,1 ± 1,3). Die Nüchterninsulinspiegel stiegen sowohl in der PRT Gruppe (24,3 ± 28,8 vs. 30,2 ± 39,9) als auch in der Kontrollgruppe (12,6 ± 4,6 vs. 20,1 ± 10; P = 0,08), veränderten sich aber nicht in der Qigonggruppe (13,3 ± 6,2 vs. 13,4 ± 5,7, nicht signifikant). Obwohl diese Differenzen statistisch nicht signifikant sind, verschoben sich die HOMAR-IR scores vorteilhaft zugunsten der Qigonggruppe (5,3 ± 2,3 vs. 4,7 ± 2,2) aber unvorteilhaft für die PRT-Gruppe (6,60 ± 6,00 vs. 8,91 ± 9,55) und die Kontrollgruppe (4,48 ± 2,30 vs. 7,51 ± 4,21; P = 0,06).
Das Ausführen von Qigong während dieser 12-wöchigen Intervention führte zu einer signifikanten Reduktion des Nüchternblutzuckers bei Patienten mit DM Typ-2 und zeigte Trends (P-Werte über 0,05 gelten als marginal signifikant) in Richtung einer Verbesserung der Insulinresistenz und A1C (HbA1C). Diese Resultate legen nahe, dass Qigong eine effektive komplementäre Therapie für Patienten mit DM Typ-2 ist.

Guan-Cheng Sun, Jennifer C. Lovejoy, Sara Gillham, Amy Putiri, Masa Sasagawa and Ryan Bradley. (2010) Effects of Qigong on Glucose Control in Type 2 Diabetes. Diabetes Care, Volume 33, Number 1.

Über den Autor
Mag. Franz Wendtner - Klinischer & Gesundheitspsychologe | Psychoonkologe Psychotherapeut | Dipl. Qigonglehrer

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